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Von den Maschinen zur Meditation

Magdalena ‚Lena‘ Mohr ist Maschinistin und Älplerin, jodelt, musiziert und malt. Im Winter hält sie die Bergbahnen am Laufen, im Sommer meditiert sie beim Melken. Über eine junge Frau mit zwei starken Seiten und einer Oma, die für sie den Rosenkranz heiß laufen lässt.

Sie hat das Glück gehabt, sagt Lena, dass sie so früh herausgefunden hat, was sie mag und nun das tun kann, was sie erfüllt. Der Weg zu ihren Jobs war nämlich keineswegs ein geradliniger. Lena steckt in einer Ausbildung zur Bürokauffrau, als sie auf einer Hütte mit dem Älpler ins Gespräch kommt. Er hätte so viel Arbeit, schnauft der.

Lena meint: Dann helfe ich Dir ab jetzt.

Der Hirte lächelt in sich hinein, aber als sie am nächsten Wochenende erneut vor ihm steht, fällt ihm die Kinnlade runter. „Ich halte eben mein Wort“, sagt Magdalena Mohr, 26 Jahre jung, gesegnet mit zwei beeindruckend dicken, fast hüftlangen Zöpfen, einer wunderbaren Natürlichkeit und den neugierigsten Augen, die man sich vorstellen kann. Aufgewachsen ist Lena in Tiefenbach im Allgäu und ist nun seit sieben Jahren im Kleinwalsertal zu Hause. Im Sommer auf der Alpe, im Winter als Maschinistin bei den Bergbahnen der Heuberg Arena. Zwei absolute Traum-Jobs, sagt sie und strahlt so, dass man es ihr sofort abnimmt.

Damals lässt der Älpler die 19-Jährige einfach machen. „Der hat schon gesehen, dass ich wollen hab“, erzählt sie. Im Sommer darauf ist sie schon auf der Alpe Melköde, inmitten der traumhaft gelegenen Hochebene im Schwarzwassertal mit dem Ifen als Haus- bzw. Hüttenberg. „Schöner hätte es nicht kommen können“, meint Lena. Und als sie bei ihrem ersten Alpabtrieb mit der Kranzkuh ins Tal kommt und ihre Eltern sieht, da weiß sie, dass auch die ihren Frieden geschlossen haben mit dem Weg, den Lena gewählt hat:

„Papa hätte schier die Hemdknöpfe gesprengt, so stolz war er.“

Zuvor hatten die Eltern doch eher Zweifel an der ungewöhnlichen Berufswahl. Immerhin stellt sich da noch die Frage, was eine Älplerin im Winter macht. Aber Lena ist nicht nur ein sturer Freigeist, sie ist in erster Linie eine Anpackerin. Dass ein Spezl den Kontakt zu den Bergbahnen der Heuberg Arena hergestellt hat, sieht sie als „Wahnsinnsglücksfall“ – und meint dann hinter her: „Oder mit Zufall gewollt.“ Denn dass die Arbeit rund um die Lifte ihr Spaß machen würde, das ahnt sie – vor allem aber hat sie gehört, wie gut das Team um Chef Manfred funktioniert. Den trifft sie dann am Berg – und 10 Minuten später hat sie den Job. Schneller als Manni eigentlich will, wie er ihr später verrät, aber er kann eben nicht lang verleugnen, dass es passt.

Heuer arbeitet sie bereits das siebte Jahr bei der Bahn im Herzen des Kleinwalsertals, perfekt eingebettet zwischen Walmendingerhorn und Ifen. Inzwischen ist sie die Maschinistin der Seilbahn. In Innsbruck lernte sie dafür die Grundlagen in Sachen Elektrotechnik, Hydraulik, Mechanik, aber auch Recht und Administration. „Mich interessiert alles“, strahlt sie und sprüht vor Begeisterung. „Ich will wissen, wie das System funktioniert, wie alles zusammenspielt.“ Und damit meint sie nicht nur die Maschinen, sondern den ganzen Apparat – inklusive der Menschen. „Ich bin so happy, weil es der familiärste Betrieb ist, den man sich vorstellen kann und auf alle immer 100% Verlass ist.“ Zuverlässigkeit und für andere da sein, das ist im Grunde die primäre Aufgabe der Bergbahnen. Jeden Tag muss es laufen – im wahrsten Sinne des Wortes.

„Weißt“, sagt Lena, „im Winter mach ich anderen Menschen eine Freude mit meiner Arbeit. Und im Sommer mache ich mir mit meiner Arbeit selbst eine Freude.“

Das heißt, sie tankt im Sommer auf für die stressige Arbeit im Winter? Lena überlegt und schüttelt den Kopf: „Nein,ich tanke immer auf“, lacht sie. „Ich mag’s im Winter besonders, wenn viel los ist, weil’s dann ordentlich rundgeht.“

Dann erzählt sie von ihren Aufgaben: Wie sie schaut „ob im Antriebsstationsgebäude alles fehlerfrei funktioniert“ und dass der Spaß an der Arbeit natürlich auch davon kommt, dass man sich im Team gegenseitig hochschaukelt. Welch passender Ausdruck. „Wir spielen so gut zusammen, wie die Maschinen der Bahn. Jeder ist irgendwie eine Stütze, alles greift ineinander und alle ziehen am gleichen Seil.“ Und das jeden Tag von etwa 7.30 Uhr morgens bis manchmal sogar 18.00 Uhr, „je nachdem welche Wartungsarbeiten anstehen.“

Die monatlichen Tests und Revisionsarbeiten machen Lena nichts aus – im Gegenteil. Sie liebt es, Sicherheitsgeschirr und Funk anzulegen und in dem offenen Revisionskorb mit Schmierfett und Kompressor von Stütze zu Stütze zu fahren. Dann kraxelt sie, gut gesichert, über die Aufhängung der Gondel auf die Stütze, überprüft jedes Lager, jede einzelne Rolle – und genießt „dahin zu kommen, wo sonst keiner hin darf. Da hast du deinen ganz eigenen Blick auf alles.“

Am Ende der Wintersaison spürt sie dann, dass es Zeit wird für einen Wechsel. Sie verabschiedet sich „ein wenig wehmütig“ von den Menschen und den Maschinen. Doch die Sehnsucht wächst nach der Ruhe, der Einsamkeit, der Einfachheit. Sie freut sich auf die 27 Melkkühe und 35 Stück Jungvieh, auf die so speziellen Sonnenuntergänge auf der Mittelalp. Dort – auf einer idyllischen Anhöhe zwischen Riezlern und Söllereck – hat sie inzwischen ihre „absolute Traum-Alpe“ gefunden.

In der kalten Jahreszeit laufen bei ihr so viele Dinge zusammen und sie genießt den Trubel. Auf der Alpe könnte der Kontrast nicht größer sein. „Melken ist für mich wie Meditation, es ist Seelenarbeit. Man ist ganz für sich und konzentriert sich nur auf eine Sache. Ich denke dabei an nichts, bin bloß am Machen.“ Morgens um 4.30 Uhr und dann 12 Stunden später genießt sie ihre „Meditationsstunden“ – bei der einen Kuh mehr, bei der anderen weniger. Da gibt es die Unruhigen, die ihr auf die Füße steigen. Und die Stoischen, die nur dastehen und wiederkuen. „Dann gibt’s immer Zwei, die es nie lernen werden – egal was. Sie sind immer da, wo sie nix zu suchen haben.“ Und dann sind da ihre Lieblinge, „die mir beim Melken zuschauen.“

Kommt sie im Sommer mal runter von der Alpe? „Lieber nicht“, lacht sie. Obwohl sie natürlich ihre Familie vermisst. Mit den drei Geschwistern spielt sie Stubenmusik, sie an der Volksharfe. Mit dem Vater und dem kleinen Bruder jodelt sie in einer Gruppe. Und als wäre das nicht genug, ist da noch ihr großes Maltalent. Ob Acryl auf Leinwand oder mit dem Lötkolben auf Leder oder Holz – Lenas Werke sind beeindruckend. Sie verkauft sie natürlich auch, aber am Liebsten verschenkt sie sie an besondere Personen. „Kaufen kann jeder, aber verdienen, das braucht Charakter.“ Da ist sie wieder: Ihre Freude daran, andere glücklich zu machen.

Aber wenn sie doch selbst so viel Glück gehabt hat, meint sie. Mit einem so spannenden, erfüllten und abwechslungsreichen Leben. Vermissen tut sie in der jeweiligen Saison nichts: „Ich hab ein Leben voller Vorfreude.“ Dann wird sie doch noch ein wenig nachdenklich.

„Wer weiß, ob’s nur Glück ist. Ich bin schon ein gläubiger Mensch. Und meine Oma, die lässt mit ihren 97 Jahren zu Hause den Rosenkranz für mich heiß laufen.“

Bilder: Frank Drechsel